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17. Juli 2010

Dombauarchiv

Aus historischem Holz geschnitzt
Der Domkran "lebt" auch in einem Stuhl weiter

 Bild vergrößern29. Februar 1868: Beginn des Abbaus des DomkransFoto: Dombauarchiv, Th. CreifeldsEin wenig ungeduldig schaut Dr. Klaus Hardering auf seine Armbanduhr. Längst sind 14 Uhr vorbei. Glühend brennt die Sonne vom Himmel über Köln. Bei jeder Bewegung wächst die Zahl der Schweißperlen auf der Stirn. Doch den Leiter des Kölner Dombauarchivs hält es nicht mehr auf seinem Stuhl unter den alten Platanen in dem kleinen Eiscafé gegenüber dem Dom. Hardering hat sich so postiert, dass er die Straße im Blick hat. Auf keinen Fall will er die Ankunft des Lieferwagens verpassen. Um 14.30 Uhr greift der Wissenschaftler zum Handy, um in der Spedition anzurufen, die sich auf den Transport von Kunstwerken spezialisiert hat. Der Disponent vertröstet: Infolge eines Staus verzögert sich die Ankunft des sehnlichst erwarteten Objekts um 20 Minuten.

Überraschende Botschaft

Aus dem Holz des Domkrans wurde dieser Stuhl geschnitzt, den eine in Spanien lebende Kölnerin jetzt dem Dom schenkte.Bild vergrößernStuhl aus dem Holz des DomkranesFoto: Robert BoeckerErst vor wenigen Wochen hatte sich ein jahrzehntelanges Mitglied des Zentral-Dombau- Vereins am Telefon bei Hardering in der Dombauverwaltung gemeldet. Der über 80-jährige Domfreund erzählte Hardering eine unglaubliche Geschichte: Eine Verwandte seiner Frau, die seit vielen Jahren in einem winzigen Ort in Spanien, unweit der portugiesischen Grenze lebe, besitze einen aufwändig geschnitzten Stuhl, der aus dem Holz des 1869 abgebrochenen Krans auf dem Südturm des Kölner Doms gefertigt wurde. Die alte Dame stamme aus einer Familie, die am Kölner Klingelpütz eine bekannte Ofenfabrik besessen habe. Weil sich ihre Vorfahren sehr für den Dombau eingesetzt hätten und insbesondere anlässlich der Feier zur Domvollendung 1880 sehr großzügig gewesen seien, hätten sie als Zeichen des Dankes das Möbelstück erhalten. Ein Foto auf dem die heute hochbetagte Dame als kleines Mädchen auf dem besagten Stuhl zu sehen ist, schickte der in Köln lebende Domfan am nächsten Tag per Post an Hardering. In seinem Brief deutete er zudem an, dass er am Vorabend mit der Dame in Spanien telefoniert habe und diese bereit sei, das wertvolle Stück dem Dom zu überlassen.

Wahrzeichen der Stadt

Solange der Nordturm nicht die Höhe des Südturms hatte, blieb der Domkran stehen.Bild vergrößernDer Dom von Westen mit dem DomkranFoto: Dombauarchiv, Gebr. SchönscheidtJahrhunderte lang war der Kran auf dem Südturm nicht nur das Wahrzeichen der Stadt sondern zugleich ein Symbol, dass der Bau des Gotteshauses nur unterbrochen sei. Keine Kölner Stadtansicht seit 1450/60 - damals erscheint der Domkran erstmals auf Tafelbildern, die das Martyrium der ursulinischen Jungfrauen darstellen - auf denen die „größte technische Maschine des Mittelalters“, so der frühere Dombaumeister Professor Dr. Arnold Wolff, nicht abgebildet ist. Bis zu zwei Tonnen konnten mit der rund 25 Meter hohen Konstruktion, deren „Herz“ ein riesiger Eichenstamm, der so genannte Kaiserstiel war, hoch gezogen werden. Der Stamm war mehr als 15 Meter lang und hatte an seiner breitesten Stelle einen Durchmesser von mehr als einem Meter. Nach Einstellung der Bauarbeiten im Jahre 1560 blieb der Kran auf dem Südturm. „Man hielt den Kran immer noch für ein wichtiges Instrument, das man wieder in Betrieb nehmen wollte, sobald die Zeit dafür gekommen war“, ist Wolff überzeugt. Deshalb habe man den Kran in den nächsten Jahrhunderten immer wieder repariert. (Im nächsten Domblatt wird ein aufschlussreicher Aufsatz von Professor Wolff über den Domkran erscheinen.) Eines der wenigen erhaltenen Exemplare der aus Kranholz gemachten Modelle.Bild vergrößernModell des DomkranesFoto: Robert BoeckerZahlreiche Dichter und Denker haben in ihren Werken dem Domkran ein literarisches Denkmal gesetzt. Johanna Schopenhauer erwähnt ihn in ihrem „Ausflug nach Köln“ 1828 ebenso wie Herman Melville. Der Schriftsteller war 1849 in Köln und schrieb in sein Tagebuch fasziniert von „dem berühmten Dom, wo der immerwährende Kran auf dem Turme steht.“ Später machte Melville den Domkran auch in seinem „Moby-Dick“ an einer Stelle zum Thema.

Aus Sicherheitsgründen ordneten die preußischen Behörden nach Ende der französischen Herrschaft in Köln im April 1815 die Überprüfung des Krans an. Wenig später wurde der vom Zahn der Zeit in Mitleidenschaft gezogene Ausleger des Krans demontiert. Das wiederum passte den Kölnern nicht, sahen sie doch ihr Wahrzeichen ohne den Ausleger als zerstört an. Es müssen turbulente Diskussionen gewesen sein, die in jenen Tagen auf den Straßen der Stadt mit dem unvollendeten Dom geführt wurden.

Beruhigte Volksseele

Dank einer testamentarischen Verfügung des ehemaligen Kölner Bürgermeisters und Förderes des Doms, Reiner Josef Klespe, der am 20. Mai 1818 starb, wurde im September 1819 ein neuer „Schnabel“ am Kran angebracht - und die Volksseele war beruhigt. Ein letztes Mal kam der Kran am 3. September 1842 bei der Grundsteinlegung zum Weiterbau des Doms zum Einsatz. Unter dem Jubel der begeisterten Menge wurde in Gegenwart des preußischen Königs ein Stein emporgezogen.

Im Dombauarchiv befindet sich diese Kruzifix aus dem Holz des Krans.Bild vergrößernKruzifix aus KranholzFoto: Robert BoeckerSolange der Kran den Weiterbau des Doms nicht störte blieb die Konstruktion auf dem Südturm erhalten. Als der Nordturm 1867 die Höhe des mittelalterlichen Südturms erreichte und von nun an beide Türme gleichzeitig weitergebaut werden sollten, kam das Ende des Domkrans. Im Februar 1868 begannen Handwerker der Dombauhütte mit der Demontage des historischen Bauwerkes. Aus dem Holz des Krans wurden Erinnerungsstücke - Kruzifixe, Modelle des Krans, Engelsköpfe - gefertigt, die an verdiente Domförderer abgegeben wurden. Unter anderem sollen auch acht Stühle geschnitzt worden sein.

Es ist kurz vor 15 Uhr als endlich der weiße Lieferwagen an der Dombauverwaltung vorfährt. Gespannt verfolgt Dr. Klaus Hardering wie sich die Ladeklappe senkt. Gut verpackt und befestigt steht auf der Ladefläche ein Objekt, das große Ähnlichkeit mit einem Sessel hat. Minuten später ist das gute Stück nach fast 2000 Kilometer langer Fahrt am vorläufigen Ziel seiner Reise angekommen. Auch Dombaumeisterin Professor Barbara Schock-Werner und die anderen Mitarbeiter der Dombauverwaltung sind Zeugen, wie der Stuhl im Büro des Dombauarchivleiters von der Schutzverpackung befreit wird. Nach Stationen in Singapur und Spanien ist das aufwändig gestaltete Möbelstück mit der Originalpolsterung wieder dort angekommen, wo es entstanden ist - am Dom zu Köln.

Robert Boecker